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schaubühne berlin
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»Herrschaft!«

Eine Kooperation der Schaubühne Berlin mit dem Hamburger Institut für Sozialforschung.

Macht existiert. Man fühlt sie, arrangiert sich mit ihr, opponiert gegen sie, unterläuft sie. Aber was ist Herrschaft? Wir kommen aus einer historischen Periode, die die Herrschaft geleugnet hat. Wenn es nur noch Individuen und keine Gesellschaft mehr geben soll, dann kann es auch keine Herrschaft mehr geben. Anstatt Abhängigkeiten zu rechtfertigen, wurden daher flache Hierarchien gepriesen, kreative Einzelne bewundert und win-win-Situationen phantasiert. Heute hat sich das für viele als Lüge entpuppt. Das alles beherrschende Gesetz scheint zu sein, dass aus Geld mehr Geld wird. Kapitalismus ist der Name für ein System, das die Verwertungsinteressen des Kapitals in Widerspruch zu den Bedürfnissen der Menschen bringt. Es ist kein Privileg der Linken mehr, auf Klassenverhältnisse hinzuweisen. Nur ist zu klären, welche Klassen mit welchem Anspruch und vor allem mit welchen Effekten für uns alle auftreten. Sonst bleibt im Ressentiment gegen das System stecken, was Bewegung im System schaffen könnte.

Heinz Bude vom Hamburger Institut für Sozialforschung diskutiert an vier Abenden mit seinen Gästen.

Kurator der Reihe ist Heinz Bude. Er leitet den Arbeitsbereich »Die Gesellschaft der Bundesrepublik« des Hamburger Instituts für Sozialforschung und ist Inhaber des Lehrstuhls für Makrosoziologie an der Universität Kassel.

Mehr über Heinz Bude erfahren Sie auf der Website des Hamburger Instituts für Sozialforschung: HIS

Herrschaft im System: Zur Kontrolle von Macht

Dirk Baecker (Zeppelin-University, Friedrichshafen):
Spätestens seit Giorgio Agambens großartiger Rekonstruktion des Herrschaftsgedankens aus der Theologie der frühen Kirchenväter hat sich herumgesprochen, dass Herrschaft eine durchaus symmetrische Angelegenheit ist. Sie kontrolliert die Machthaber mindestens ebenso wie sie von diesen ausgeübt wird. Die Herrlichkeit der Herrschaft ist nicht nur ein Blendwerk, das die Herrscher aufbauen, um die Untertanen zu betäuben, sondern auch eine Verpflichtung, die die Herrscher den Kopf kosten kann, wenn sie gegen sie verstoßen. Deswegen ist Herrschaft nicht Herrschaft des Systems, sondern Herrschaft im System. Jede Macht, die in einem System ausgeübt wird, muss eine Herrschaft bedienen, die mindestens so sehr den Untertanen wie den Herrschern dient. Macht wird kybernetisch. Die Konsequenzen dieses Gedankens für eine Ge-sellschaftstheorie von Macht und Herrschaft liegen auf der Hand. Wir brauchen nicht nur eine Kritik der Macht und der Herrschaft, die mindestens so theologisch ist wie deren Ausübung, sondern wir brauchen auch einen positiven Begriff von Macht und Herrschaft, die in der Lage sind zu beschreiben, wie beides aufgebaut, ausgeübt und kontrolliert wird. Und dies gilt nicht nur für unser Verständnis von Politik, sondern auch für Macht und Herrschaft in der Familie, in Unternehmen, in Behörden, ja vielleicht sogar in Situationen offener Geselligkeit wie auf der Party, auf einem Fest, in der Kneipe um die Ecke. Herrschaft ist dann herrlich, wenn sie sicherstellt, dass eine Situation im Einklang mit allen ihren strukturellen und kulturellen Be-dingungen ist. In Frage steht, ob dies ein zynischer oder ein pragmatischer Begriff von Macht und Herrschaft ist. Immerhin kann man jetzt verstehen, dass die Kritiker von Macht und Herr-schaft an dieser mindestens ebenso interessiert sind wie die Machthaber. In Frage steht, wie diagnostisch zwei so pathetische Begriffe wie die der Macht und der Herrschaft sein können. Versuchen wir, beide Begriffe als Einstiege in Formen der Selbstorganisation von Gesellschaft zu nutzen.

> 19. März 2012, 19.30 Uhr

Arbeit, Herrschaft, Proletarität – Zombies der Industriegesellschaft?

Friederike Bahl, Philipp Staab (Hamburger Institut für Sozialforschung):
Herrschaft durchdringt Gesellschaft in allen ihren Bereichen. Doch wo zeigt sie sich? Eine traditionelle Antwort lautet, dass sich in der Arbeitswelt die Zuteilung von Privilegien und Nachteilen entscheidet. Die Schlüsselfigur war das Proletariat. An seinem Sein und Werden sollte sich die je aktuelle Form gesellschaftlicher Herrschaft unter kapitalistischen Bedingun-gen ablesen lassen. Nach dem Ende des sozialdemokratischen Zeitalters trat an die Stelle der Kollektivität des Arbeiters das subjektive Pflichtbewusstsein der Angestellten und das Enga-gement des Bürgers. Herrschaft wurde radikalisiert und zugleich offen für Veränderungen. Individuelle Teilhabechancen sollten kollektive Betroffenheiten ablösen. Heute hat sich diese Chancenrhetorik erschöpft. Ins Bewusstsein treten zunehmend Verhärtungen im gesellschaftlichen Gefüge. Doch kommen die sozialen Spaltungslinien der Gegenwart tatsächlich aus der Arbeitswelt? Findet sich hier noch eine Arena, in der Forderungen nach gerechter Ordnung formuliert werden? Haben wir es in Dienstleistungsgesellschaften mit einer neuen Arbeiterschaft zu tun oder ist der Zusammenhang von Arbeit und Herrschaft nur ein wandelnder Toter der Industriegesellschaft?

> 26. März 2012, 19.30 Uhr

Doppelherrschaft im Kapitalismus

Wolfgang Streeck (Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln)
Demokratische Staaten sollen den Bürgern und den Märkten dienen. Sie haben Wähler, die soziale Sicherheit wollen, aber auch niedrige Steuern, und Gläubiger, die Sparsamkeit verlan-gen, aber auch Wachstum. Heute scheinen die Gläubiger die Oberhand zu haben. Auf welche Legitimation können sie sich berufen, wenn sie darauf bestehen, dass die Regierungen ihre Bürger zu disziplinierter Bedienung ihrer Staatsschulden verpflichten? Worauf gründet sich die Popularität der Finanztechnokraten, die in den am meisten verschuldeten Schuldenstaaten die Politiker alter Art abgelöst haben?

>16. April 2012

Frauenmacht/ Männerherrschaft?

Claudia Honegger (Bern)

Das scheinbar ewige Gesetz besagt: Frauen haben Macht, Männer beanspruchen Herrschaft. Alteuropäisch gesprochen: Frauen regieren das Haus und sind daher die Erfinder der Ökono-mie, Männer führen Kriege und beherrschen deshalb die Politik. Seit der Neuzeit sind die Quellen von Herrschaft in den Tiefen von Institutionen angelegt, von denen bisher alle männ-lich strukturiert sind: Kirchen, Regierungen, Armeen, Banken, Universitäten, Opernhäuser, Stadttheater. Die Macht dagen hat auf dem Markt ihr legitimes Feld gefunden. Daran hat sich heute einiges geändert: Frauen erobern politische Herrschaftspositionen und Männer scheitern an der Macht der Ökonomie. Die Frage lautet, welche Folgen diese Verwirrung der Geschlechterverhältnisse mit sich bringt. Wie verbinden Frauen angestammte Macht mit erworbener Herrschaft? Wohin flüchten sich die Männer mit ihren Begehren nach Herrschaft? Der Streit scheint jetzt darüber zu gehen, wie sich die Geschlechter die Rollen im Hause teilen und wie sich diese auf den Feldern des Krieges um Geld, Land oder Klima verteilen.

> 23. April 2012

Regimes der Leidenschaft

Wenn Angela Merkel sagt, sie könne mal liberal, mal sozial und mal konservativ sein, dann ist am Ende egal, was man ist. Die Vorstellung, dass sich im postideologischen Zeitalter die politischen Auseinandersetzungen auf Sachthemen reduzieren lassen, wirft die Frage auf, was mit dem politischen Engagement überhaupt noch gemeint sein könnte. Was ist das Politische, das die politischen Differenzen ermöglicht? Mit dieser vierteiligen Vortragsreihe mischt sich das Hamburger Institut in die Debatte über das politische Selbstverständnis unserer Gesellschaft ein. Sie nimmt dabei Bezug auf ein Gesellschaftsdenken, das eine scharfe Differenz zwischen dem Politischen und dem Sozialen macht. Der starre Blick auf die soziale Symmetrie kann den Impuls zur politischen Souveränität zunichte machen. Die Motive der unhintergehbaren Herrschaft, der notwendigen Repräsentation und der unendlichen Demokratie sollen die Frage nach dem politischen Engagement mit der nach der persönlichen Existenz in Berührung bringen. Was für ein Einsatz ist gefordert, wenn man sich als politisches Wesen begreift, das die öffentlichen Angelegenheiten nicht sich selbst überlässt?

Gesprächsreihe in Kooperation mit dem Hamburger Institut für Sozialforschung.


> 27.10.2011
»Wir, Ihr oder Sie? Formen und Identifikationen des Politischen«
Prof. Dr. Christoph Möllers, HU Berlin

> 3.11.2011
»Was ist das Politische? Wo ist Politik? Antworten jenseits von Mao und Bartleby«
Oliver Marchart, Universität Luzern

> 17.11.2011
»Wer das Sagen hat«
Raymond Geuss, University of Cambridge

> 8.12.2011
»Rohstoff Leben. Andy Warhols Factory als biopolitisches Theater«
Isabelle Graw, Städelschule Frankfurt am Main
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